tanzt seit 1930. Er ist dankbar, dass er auch im Jahr 2000 immer noch fröhlich dabeisein darf und hofft, auch weiterhin im Kreis der Tanzenden mitmachen zu können.Hier schreibt er, weil er von verschiedenen Volkstänzerinnen und Volkstänzern dazu aufgefordert wurde, selber seine „Tanzerinnerungen“ auf:

Im Alter von 18 Jahren durfte ich mit meinem Vater in Meilen am Zürichsee ein so-genanntes „Chränzli“, d.h. das Jahresfest eines Dorfvereins, mit lustigem Volkstheater und anschliessender Tanzbelustigung besuchen. Dieser Anlass des örtlichen Sama-riter- oder Volksgesundheitsvereins fand im Hotel zum „Löwen“ bei der Schifflände Meilen statt.

Da ich nach der zweiten Klasse der Sekundarschule, d.h. im Alter von 15 Jahren, in die Oberrealschule Zürich übergetreten war, hatte ich den Kontakt zu meinen ehema-ligen Mitschülerinnen und Mitschülern ganz verloren, nie einen Tanzschritt gelernt,und sah nun zu, wie sie alle fröhlich miteinander tanzten. Wohl war meine Schwesterim Sommer ganz begeistert vom „Reigentanzen“ aus einem Jugendlager auf dem Kerenzerberg zurückgekehrt. Sie schwärmte tagelang von den hübschen Volkstänzen und Reigen, die im Lager zur Auflockerung des Programms getanzt worden waren, kam aber nie auf den Gedanken, auch mir einen einfachen Tanzschritt beizubringen. Ich meinerseits hatte bisher nie den geringsten Grund, mich um die geheimnisvolleTanzkunst zu kümmern.

Nun aber, beim Dorftest, meinte mein Vater ganz unvermittelt, es gehöre sich, dass ich auch tanze. Mari nehme mir das Abseitsstehen bestimmt übel. Ich aber, der ja nicht tanzen konnte, hatte begreiflicherweise die allergrössten Hemmungen. Doch mein Vater, der zwar selbst nie tanzte, liess nicht locker. Er behauptete, das Tanzen sei ganz bestimmt nicht schwer, und eine ehemalige Schulkameradin habe sicher Verständnis und zeige mir geduldig den einfachen Schritt.

Und so war es auch. Beim Marsch konnte ich ganz gewöhnlich im Takt der Musik vorwärts und rückwärts marschieren, während meine Partnerin den Weg durchs Gewimmel der Leute bestimmte und zaghafte Drehungen einfügte. Beim nächsten Tanz folgte fortgesetzt auf einen Wechselschritt links seitwärts ein kleiner Schritt rechts in die andere Richtung, und meine Kameradin sorgte dabei ganz sachte für eine leichte Drehung. Sie selbst führte den beschriebenen Schritt gegengleich aus, d.h. „R und R, kleine Pause, L“. Die Sache war tatsächlich keine Hexerei, und doch kam ich mir recht unbeholfen, ungeschickt und abhängig vor, denn wir stolperten mehrmals und traten uns auch immer wieder auf die Zehen.

So blieb es bei einem kurzen ersten Versuch, und ich verliess mit meinem Vater so früh als möglich den Ort des Geschehens. Doch das Bedürfnis, wie alle andern tanzen zu können, war bei mir geweckt, und sobald ich als „Verweser“ in der Sekundarschule Dietikon eine feste Stelle bekommen hatte, leistete ich mir einen Tanzkurs im Institut Massmünster an der Löwenstrasse beim Hauptbahnhof in Zürich. Was dort, in den frühen Dreissigerjahren, unterrichtet wurde, waren die Modetänze Foxtrott und Tango,aber auch Walzer…

In der Tanzgruppe, der ich zugeteilt wurde, befanden sich glücklicherweise einige sehrnette junge Damen, die vom Kursleiter offensichtlich aus einer Mittelschule aufgebo-ten worden waren. Ohne sie hätte er seinen Tanzkurs gar nicht durchführen können.Die Mädchen hatten es damals wahrscheinlich gar nicht nötig, die Grundbegriffe desTanzens schulmässig zu erlernen, wohl aber die grosse Menge der anwesenden Her-ren. Ihre Anzahl übertraf die der Tänzerinnen bei weitem. Dies hatte zur Folge, dassdie Herren in zwei Gruppen eingeteilt werden mussten.

Die erste Gruppe erlernte an einem vorgeführten Beispiel, wie ein Herr eine Dame höflich zum Tanz engagiert. Dann aber, als sie die Vorführung gesehen und die Erklärungen gehört hatten, stürzten die Burschen der ersten Gruppe ohne lange Aufforderung wie die Wilden auf die armen Mädchen los, die alle nebeneinanderin an der gegenüberliegenden Saalseite auf ihren Stühlchen sassen. Die beiden letzten Herrenhatten das Nachsehen und gesellten sich zur vorläufig zuschauenden zweiten Gruppe.Die normale Tanzhaltung und die einfachsten Grundschritte wurden peinlich genauerklärt und eingeübt.

Mir schien oft, das Tanzleiterpaar ziehe seinen Lehrstoff ganz unnötig in die Länge. Es wurde offenbar grosse Rücksicht auf Unbegabte und Gehemmte genommen, die sie mangels zahlende Kunden nicht verlieren wollte. Weil jede Kleinigkeit zweimal und geduldig erklärt und ausführlich geübt wurde, beherrschten alle am Schluss des Kurses das Gelernte.

Ganz besonders gefielen mir die verschiedenen Tangofiguren, die damals die grosse Mode waren und die gelegentlichen Einlagen. Am besten erinnere ich mich an einen“Steptänzer“, der ganz allein mit seinen metallbeschlagenen Schuhsohlen, die wunderlichsten Rhythmen aus dem Parkettboden herausklopfte.

In jener Vorkriegszeit, d.h. im Jahr 1935 und in den folgenden Jahren, besuchte ich mit Primarlehrer Robert Leuthold auch die Übungen des Zürcher Lehrer-Turnvereins in Zürich-Altstetten. Mit dem Velo radelten wir einmal in der Woche zur Turnhalle, womit Freiübungen, Geräteturnen und Ballspiel der Körper trainiert und die Turnstunden für den eigenen Sportunterricht geplant und eingeübt wurden. Unsere Lehrer-Turngruppe wurde von Albert Christ geleitet, der gelegentlich an Wochenenden auch erlebnisreiche Wanderungen und Skitouren mit uns durchführte.

Ganz selten versuchten wir fürs Mädchenturnen nach der Gymnastik, nach dem Geräteturnen und dem Ballspiel am Ende der Lektion als Höhepunkt auch noch einen kleinen Volkstanz einzuüben, besonders dann wenn die Zahl der anwesenden Damen und Herren etwa gleich gross war. Die damals schon vorliegende Beschreibung der“Faira da Sent“, der „Senter Kette“, wurde jedoch im Turnverein falsch verstanden!

Im ersten Teil, der zwischen den drei Figuren immer wieder getanzt wird, d.h. bei der Kette, tanzten die Damen einen Zickzack im Aussen-, die Herren im Innenkreis, statt bei jedem Schritt vor der entgegenkommenden Person zu kreuzen.

An einem solchen Turnabend verkündete Thekla Kuhn, der Volksliederchor „Maibaum“singe unter Alfred Sterns Leitung in der „Kaufleuten“ schöne alte Schweizerlieder, und Klara Stern ergänze das Programm mit einigen Volkstänzen. Die meisten Mitglieder der Lehrerinnen- und Lehrerturngruppe beschlossen, sich die Lieder anzuhören und die Tänze zu beobachten.

Und da konnten wir dann sehen, wie die „Faira da Sent“ richtig getanzt werden muss! Was mir aber an diesem Abend den allergrössten Eindruck machte, das war der hol-ländische „Horlepipe“. Klara Sterns Volkstanzgruppe, in der auch Thekla Kuhn mitwirkte, stand offensichtlich auf professioneller, künstlerischer Stufe, waren doch ihre Tänzerinnen mehrheitlich Mitglieder der „Loheland-Gymnastik-Vereinigung“. Alle Fussspitzen der rechten Füsse senkten sich miteinander genau im Takt der Musik hinterden linken, Standbeinen und umgekehrt.

Klara Sterns Volkstanzgruppe war 1939 die einzige Gruppe, die Tänze aus allen Regionen der Schweiz beherrschte. Sie wurde daher als Vertretung unseres Landes von der“Schweizerischen Trachtenvereinigung“ nach Stockholm an ein internationales Jugendtreffen delegiert. Da aber in der Tanzgruppe ein Tänzer fehlte, wurde ich gebeten, zu Klara Sterns Tanzproben zu kommen, die Schweizertänze zu erlernen, und mit nach Schweden zu reisen.

Vierzehn Tage Skandinavien, das war verlockend! Wir wurden finanziell von derSchweiz unterstützt, mussten nur einen Teil der Reisekosten bis zur schwedischen Grenze selber bezahlen. Alles andere, die Reisen in Skandinavien, die Unterkünfte und die Verpflegung übernahmen die Gastgeber. Als Gegenleistung vertraten wir die Schweiz. Ich selbst marschierte an der Spitze unserer kleinen Gruppe mit der Schweizerfahne über der rechten Schulter, rechts und links von mir je eine Ehrendame. Hinter mir folgte jeweils violinspielend oder trommelnd Inge Baer. Sie sorgte beim Einzug ins Stockholmer Stadion und bei allen unsern Auftritten mit ihrer Marschmusik, dass wir stets im richtigen Schritt und Tritt daherkamen.

Vor unserer Reise in den Norden bereiteten wir uns sorgfältig vor. Ich kaufte mir eine Schweizerfahne mit kurzem Griff und liess mir von einem Fahnenschwinger das „UrnerDächli“ und andere schweizerische Schwünge zeigen, die ich abends nach dem Unterricht in der Turnhalle von Dietikon stundenlang einübte und dann später auf den Plätzen Stockholms und anderer Städte des Nordens vorführte. Inge Baer fand stets die geeignete Begleitmusik dazu.

Im Stadttheater von Stockholm und auf vielen andern geeigneten Tanzplätzen bestritten wir, wie die Franzosen, die Engländer, die Schotten, die Finnen, die Estländer; die Letten, die Uttauer; die Rumänen, die Bulgaren, die Russen, die Griechen, dieDeutschen, die Österreicher, die Italiener, etc. unser nationales Volkstanzprogramm, bestehend aus Chüerwalzer, Mistträppeler, Innerschweizer Alewander, Ziberli, Faira daStrada, Scardanaler Mazurka, kurz aus den damals bekannten Schweizertänzen.

Das riesige schwedische Treffen der Volkstanzgruppen aus Ost und West, Nord und Süd war für alle Teilnehmer, so kurz vor dem Ausbruch des Weltkriegs, ein unver-gessliches Erlebnis. Auf der Reise durch Deutschland hatten wir in Berlin die unheimliche „Verdunkelung“ erlebt. Nachts durfte in den deutschen Dörfern und Städten nicht der kleinste Lichtschimmer aus den Häusern nach aussen dringen, um fremden Bombern die Orientierung zu verunmöglichen. Wir erlebten, wie Hitlers Deutschland den Krieg herbeiwünschte, um sich für die Demütigung von 1918 zu rächen! Ganz anders, hell und voll Sonnenschein, war die Welt in Schweden! Da wollte es nie dunkel werden. Bis nachts elf Uhr konnten wir im Freien ohne künstliches Licht die Zeitung lesen. Die Sonne wollte einfach nicht untergehen.

Stundenlang schlich sie dem Horizont entlang, und wir feierten jeden Tag bis Mitternacht unsere Tanztreffen mit den verschiedenen anwesenden Nationen, vor allem auch mit den netten jungen Deutschen. Mit ihnen, die gar nicht realisierten, in was sich ihr Heimatland hineinsteigerte, konnten wir am besten diskutieren. Flammende Reden konnten wir immer wieder bei unsern Tanzfesten hören, in denen die Jugend Europas mit ihrem Idealismus dringend aufgefordert wurde, sich gegenseitig mit allen Nationen anzufreunden und Brücken von land zu land zu schlagen. Und der Volkstanz hatte in der Tat viel Verbindendes. Wir konnten uns tanzend auch ohne Sprache gut mit allen Nationen verständigen!

Besonders abends in den Unterkünften bewunderten wir ihre prächtigen Trachten und die vielen interessanten Volksmusikinstrumente, das Monokord, das Hackbrett, die Drehleier, den Dudelsack, die Hardangervioline, etc.

Die Schweden hofften durch die solidarische Jugend den Krieg im letzten Augenblick doch noch verhindern zu können. Doch ach, die am Krieg viel Geld verdienende Rüs-tungsindustrie und der Nationalstolz der deutschen Politiker waren stärker. Kaum von Schweden in die Schweiz zurückgekehrt, mussten wir vernehmen, dass der Bundesrat Henri Guisan zum General gewählt hatte, und dass uns die Mobilisation bevorstand.

In Klara Sterns Volkstanzgruppe blieben nur noch die Tänzerinnen und der Deutsche Albert Krautter zurück, der sich weigerte, in den Nazi-Krieg zu ziehen. Er war unserTrachtenschneider, wohnte ganz in der Nähe der Gemüsebrücke in Zürich, heiratete eine Schweizerin und bemühte sich, Schweizer zu werden. Eine staatliche Stelle forderte mich eines Tages auf, Auskunft über den Charakter unseres Vereinsmitglieds zugeben. Ich konnte nur Gutes auf den Fragebogen schreiben, denn wir vertrauten Krautter so sehr, dass wir ihn sogar zum Präsidenten des Volkstanzkreises Zürich wählten.

Auch in der Kriegszeit wurde getanzt, und zwar nicht nur im Urlaub. An den meisten Orten, wo wir Gebirgsschützen stationiert waren, gabs natürlich keine Gelegenheit dazu. Wir lebten meist in abgelegenen Militärbaracken, z.B. im Bedrettotal, hoch imGebirge und in kleinen halbverlassenen Weilern an der Grenze zu Italien. Im Tessinwurden meist die jungen Frauen vom Militär ferngehalten.

Doch es gab auch eine einzige Ausnahme in der Nähe von Lugano. Auf dem Dorfplatz einer kleinen Siedlung musizierte ein Tessiner. Die Mädchen kamen aus ihren Häusern heraus zu uns Soldaten und begannen fröhlich mit uns zu tanzen. Einmal, an einemWochenende mit Soldatenbillett, besuchte mich Maria in einer Vorortsgemeinde von Lugano, und wir spazierten auf dem Uferweg nach Gandria. Dort hörten wir fröhlicheTanzmusik und sahen, dass auf einer Aussichtsterrasse am See von Militär- und Zivilpersonen Walzer getanzt wurde. Da machten auch wir, als ob Friedenszeit wäre, einTänzchen mit.

Ich erinnere mich auch, dass ich in Urlaubszeiten nicht nur im Volkstanzkreis Zürich tanzte, sondern auch mit dem Lehrerturnverein an Wochenend-Skitouren, so z.B. in einem Hotel in den Flumserbergen. Dort herrschte zwar ein dichtes Gedränge, was mir gar nicht zusagte. Dieses Apres-Ski-Tanzen war eigentlich nur ein phantasieloses Sichbewegen im Takt der Musik. Der Platz auf dem Tanzboden war ausserdem so beschränkt, dass die Tanzenden bei jedem Schritt angestossen und die Paare eng zusammengedrückt wurden, was einigen Leuten ganz besondere Freude zu machen schien.

Dem gegenüber waren die echten Volkstänze der verschiedenen Völker, wie ich sie in Skandinavien gesehen und bei Klara Stern für die Nordlandreise eingeübt hatte, doch etwas ganz anderes. Volkstänze haben einen logischen Aufbau. Sie bestehen nicht nur aus speziellen Schrittarten wie Polka, Schottisch, Walzer und Mazurka, sondern meist auch aus mehreren „Figuren“, so dass sich die Tanzenden nicht nur mechanisch bewegen, nein, sie müssen auch vorausdenken und sich die Reihenfolge der Figuren, den Aufbau des Tanzes, überlegen.

Die Bewegungen und Schritte entsprechen der Musik. Der häufige Partnerwechsel führt zur Gemeinschaft in der Tanzgruppe, und jeder Beteiligte befindet sich während des Tanzes stets im richtigen Zeitpunkt an der genau vorgeschriebenen Stelle. Dies stets ganz harmonische Zusammenwirken der Volkstänzerinnen und Volkstänzer zu einem sinnvollen Ganzen gefiel mir schon damals, als ich zum ersten Mal in der „Kaufleuten“, Zürich, einige Volkstänze zu Gesicht bekam. Der wesentlichste Unterschied zum geistlosen „Apres-Ski-Schwofen“ liegt in der Kopfarbeit; welche von den Volkstänzern stets zu leisten ist.

Wir Mitglieder des Volkstanzkreises Zürich freuten uns ganz gewaltig, wenn uns z.B. der komplizierte schwedische Webertanz gelang, und wir sagten etwas überheblich:“Volkstanzen ist ein Intelligenzbeweis!“ Bei diesem schönen Webertanz musste uns zwar die Berufsmusikerin Inge Baer, die uns voll Begeisterung für die schöne Sache mit ihrer Geige zum Tanz aufspielte, oft etwas nachhelfen. Wenn wir mit einer der Figuren nicht rechtzeitig fertig wurden, dann verlängerte sie mit der grössten Selbstverständlichkeit den entsprechenden Musikteil, bis alle für den Beginn der folgenden“Tour“ an der richtigen Stelle angelangt waren.

Da mir der Volkstanz sehr gut gefiel, blieb ich bei der Sache. Der VolkstanzkreisZürich wurde unter Klara Sterns Leitung geradezu künstlerisch-professionell und wollte nicht mit jedem neu in die Gruppe Eintretenden wieder mit dem Einüben von Grundschritten beginnen. Von Zeit zu Zeit führten wir daher in Zürich Kurse fürAnfänger durch, und ich hatte mehrmals die Ehre, solche Kurse zu leiten.

Für gelegentliche Aufführungen übten wir abwechslungsreiche Programme ein. Regelmässig tanzten wir z.B. in der Zeit des längsten Tages im Hof des Landesmuseums. Das Gartenbauamt der Stadt Zürich lieferte uns die fürs Publikum benötigten Sitzbänke, die wir in stundenlanger Fronarbeit rund um das von uns, sauber vom Kiesbefreite Tanzrondell aufstellten. Bei diesen Gelegenheiten wirkten wir meist mit Alfred Sterns Volksliederchor „Maibaum“ zusammen. Der „Maibaum“ sang, gelegentlich sogar mit Orchesterbegleitung, kunstvoll gesetzte schweizerische Volkslieder, und wir tanzten anschliessend die dazu passenden Tänze. Für einen zweiten Teil vertauschten unsere Tänzerinnen ihre Schweizertrachten mit einer Phantasie-Ausländertracht, und wir Burschen entledigten uns der roten Gilets. So gestalteten wir mit ausländischenVolksliedern und ausländischen Volkstänzen den zweiten Teil unseres Auftritts. Bei schlechtem Wetter musste diese Veranstaltung gelegentlich im letzten Moment in die nicht sehr weit vom Landesmuseum entfernte Berufsschule am Sihlqual verlegt werden.

In den ersten Jahren seines Bestehens marschierte der Volkstanzkreis Zürich mehrmals durch Teile der Bahnhofstrasse und hinauf zum Lindenhof, und zwar mit der musizierenden Inge Baer an der Spitze. Die mitreissende Musik und unsere schönenTrachten lockten das Publikum herbei zu unsern Vorführungen, denn der Volkstanzwar damals im Vergleich zu heute noch ziemlich unbekannt.

Ähnliche Aufführungen wie auf dem Lindenhof wagten wir auch in den prächtigen Parkanlagen am Ufer des Zürichsees und an andern geeigneten Orten, immer mit dem Hintergedanken, den Volkstanz in der Bevölkerung bekannt zu machen. Der ZürcherTanzkreis war damals erst eine ganz kleine Gruppe von volkstanzbegeisterten jungen Leuten; andere Volkstanzgruppen in Zürich traten nicht an die Öffentlichkeit. UnserTanzkreis war damals noch kein Verein. Klara Stern besorgte, unterstützt von Fall zuFall, mehr oder weniger ganz allein alle Geschäfte. Sie war unsere Tanzleiterin, vertratunsere Gruppe nach aussen und führte alle Verhandlungen.

Ein grosses Problem war stets der Mitglieder- und vor allem der Burschenmangel. Wir waren schon glücklich, wenn wir zu den Proben 16 Personen zusammen brachten, so dass wir die interessanten schwedischen Achtpaartänze einüben konnten. Unsere ersten Übungslokale waren im Reformhaus Müller am Rennweg und an der Schifflände im Zimmer der „Loheland-Gymnastik“ -Lehrerinnen.

Erst als wir uns um einen Übungsraum im Schulhaus Hirschengraben bewerben wollten, tauchte das Problem der Vereinsgründung auf, denn das stadtzürcherische Schulamt vermietet Lokale nur an richtig organisierte Vereine. Wir benötigten also von1938 an neben Klara Stern einen Vereinspräsidenten, einen Aktuar und einen Kassier. Die ersten Präsidenten bis ins Jahr 1952 waren Dr. Fritz Bachmann, Albert Krautter, Fred Vogel, Dr. Sämi Wyder und Ernst Zürcher, die alle an den Kompetenzen Klara Sterns nichts änderten. Unser Kassier war viele Jahrzehnte lang immer Hugo Drotschmann.

Erst Max Fumasoli, der von 1952 bis 1954 als Präsident amtierte, krempelte alles um. Er schlug ausführliche Vereinsstatuten vor, in denen dem Vorstand und der Mitgliederversammlung grössere Rechte betreffend das Tanzprogramm und die Organisation von Vorführungen und Kursen zugestanden wurden. All dies führte zu heftigen Auseinandersetzungen, zu endlosen Diskussionen und sogar zu Tränen! Da wir von 1938 an als „Volkstanzkreis Zürich“ (VTKZ) ein richtiger Verein und nicht nur eine lockere Gruppe von Volkstänzerinnen und Volkstänzern waren, durfte ich 1988, da ich ja von Anfang an dabei war und 17 Jahre lang als Vereinspräsident den Kreis geleitet hatte,die Jubiläumsschrift „Volkstanzkreis Zürich 1938 bis 1988“ verfassen.

Das Jubiläumsfest 50 Jahre VTKZ fand zusammen mit aktiven und ehemaligen Mitgliedern, mit den Vertretungen der inzwischen da und dort in der Schweiz entstandenen befreundeten Tanzkreise und mit vielen Gästen aus dem In- und Ausland im „Schinzenhof“ Horgen statt.

Es erübrigt sich, hier all das zu wiederholen, was in der Jubiläumsschrift bereits festgehalten ist. Von Zürich aus entstanden international tanzende Volkstanzkreise in Bern und Basel, und stets wurden auch freundschaftliche Beziehungen zu den nur Schweizertänze tanzenden Trachtengruppen gepflegt. Der Zusammenschluss der schweizerischen Volkstanzkreise zu einer nationalen Arbeitsgemeinschaft vollzog sich1956. Im Jahr 1995 wurde ich ersucht, die Entstehung der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Volkstanzkreise zu schildern. Dies geschah in der von Fachleuten interessant gestalteten Festschrift: „ASV 40 Jahre 1956-96“, beim Vorstand der Arbeitsgemeinschaft bezogen werden kann.

Ich bin froh und dankbar, dass ich auch im Jahr 2000 noch fähig bin, mitzutanzen. Das Tanzen ist eine angenehme Nebensache. In diesem Kapitel ist nur das zusam-mengefasst, was ich all die Jahre auf dem „Volkstanzgebiet“ miterlebt und mitgestaltet habe: Gründung des ersten Volkstanzkrerses in Zürich, Einführung des ersten schweizerischen Volkstanzballs in Zürich, Organisation von Vereinsreisen zu Kursen und Veranstaltungen in Schweden, Frankreich, Deutschland und Österreich, Gründung der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Volkstanzkreise etc.

Aufgeschrieben am 15. Nov. 2000 von Karl Klenk